Vom Lesen am Bildschirm

Eine Gestaltungsprobe

Beispieltext zur Prüfung von Satz und Anmerkungen — kein Verlagstext.

IDie Seite

Ein Text braucht zunächst einen Ort, an dem er lesbar wird. Auf dem Bildschirm ist dieser Ort nicht durch das Papier vorgegeben. Seine Ränder, seine Zeilen und seine Abstände müssen erst bestimmt werden. Eine Seite kann dabei ruhig bleiben, auch wenn sie auf einem leuchtenden Gerät erscheint.1

Der Leser folgt einem Gedanken und nicht einer Oberfläche. Dennoch entscheidet die Oberfläche mit darüber, ob dieser Gedanke verfolgt werden kann. Zu lange Zeilen erschweren die Rückkehr zum Anfang der nächsten Zeile; zu enge Abstände nehmen den Sätzen ihren Atem.

Eine digitale Veröffentlichung kann die vertraute Ordnung des Buches aufnehmen und zugleich eigene Möglichkeiten entwickeln. Verweise führen an eine andere Stelle. Anmerkungen können neben dem Absatz stehen, auf den sie sich beziehen. Das Lesen erhält zusätzliche Wege, ohne seine Richtung zu verlieren.2

Nicht jede Möglichkeit muss sichtbar sein. Eine übersichtliche Navigation, beständige Adressen und sorgfältig gesetzte Absätze genügen häufig. Die Gestaltung tritt zurück, sobald sie ihre Aufgabe erfüllt: einen Text zugänglich zu machen und seine innere Gliederung erkennen zu lassen.

IIDer Rand

Die Anmerkung führt einen zweiten Gedanken ein. Sie kann eine Herkunft nennen, einen Begriff erläutern oder einen Einwand aufnehmen, der den Haupttext unterbrechen würde. Am Rand bleibt sie erreichbar, während der Satz weitergelesen werden kann.3

Auf dieser Seite bleibt die rechte Spalte beim Scrollen im Blick. Die zum gelesenen Abschnitt gehörende Anmerkung wird hervorgehoben und innerhalb der Spalte nachgeführt. Wer eine hochgestellte Zahl auswählt, kann die betreffende Anmerkung unmittelbar aufsuchen.4

Zwei Textspuren verlangen unterschiedliche Aufmerksamkeit. Die eine entfaltet den Zusammenhang; die andere erlaubt die Prüfung und Vertiefung. Ihre räumliche Nachbarschaft macht diese Beziehung sichtbar, ohne beide Spuren zu einem einzigen Absatz zusammenzudrängen.

Auf einem kleinen Bildschirm verändert sich die Ordnung. Der Rand bietet dann nicht genügend Platz für eine eigene Spalte. Die Anmerkungen folgen deshalb unterhalb des Textes. Nummern und Rückverweise halten die Verbindung zwischen den Stellen aufrecht.5

IIIDie Form

Eine Website kann wachsen, ohne bei jedem neuen Text eine neue Gestalt anzunehmen. Gemeinsame Vorlagen schaffen einen wiedererkennbaren Raum. Der einzelne Text bringt seine Überschriften, Absätze und Anmerkungen mit; die Vorlage sorgt für deren Darstellung.6

Der Entwurf ist damit noch kein Verlagsprogramm. Er ist eine Form, die sich an tatsächlichen Texten bewähren muss: an langen Titeln, kurzen Absätzen, fremden Schriften und umfangreichen Anmerkungen. Erst ihre Verwendung zeigt, welche Entscheidungen Bestand haben.

Auch das Ende gehört zum Lesen. Es sollte erkennbar sein, wann der Text abgeschlossen ist und wohin der Weg danach führen kann. Ein einfacher Rückverweis zum Verzeichnis reicht dafür aus. Die Seite lässt den Leser ankommen, statt die nächste Bewegung zu erzwingen.7